Wenige methodische Ansätze sind in der Lage alle Beteiligten zu erfassen und zu aktivieren, wenn es um Veränderung geht. Die Frage, wie binde ich alle ein, erschreckt oft, denn die Menge der Diskussionen und die Vorstellung von vielen sequentiellen Workshops sind aus vielen Aspekten ein Horrorszenario, ganz zu schweigen vom Transfer. Eine Antwort haben wir in den Theatermethoden von Augusto Boal und mit dem VisionsTheater® gefunden.

Augusto Boal hat in seinem Einsatz für demokratische Beteiligung die Ziele von Bert Brecht, ein interaktives Theater für alle zu entwerfen, weiter verfolgt und vom Bilder-Theater über das Forum-Theater bis zum Legislativen Theater neue Formen entwickelt, die unsere Kommunikation in der gesamten Gesellschaft in Gang bekommen können.

So läuft das beispielsweise, wenn Einbindung und Vergemeinschaftung Hand in Hand gehen:

Zwei Kinder spielen ihre Situation: Sie hören an der Tür den abendlichen Streit der Eltern, und plötzlich deren Entschluss, sich nun endlich zu trennen. Erschrocken meinen sie, sie müssten sich ebenfalls trennen, eins zu Mutter, eins zu Vater … und suchen nach Lösungen. Eine Tante fällt ihnen ein …

Die Szene wurde von Studierenden mit einer Kindergruppe von binationalen Familien geschaffen, deren Arbeitsthema kulturelle Konflikte sind. und auf einem großen Familientag in München durch die Kinder vorgestellt.

Zahlreiche Lösungsversuche kamen von allen anderen Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen in verschiedenen Sprachen, bis „die Tante“ die verschiedenen Möglichkeiten probiert hatte. Alle Anwesenden waren gefesselt, und die vielsprachlge Übersetzung fand im raunenden Publikum statt – intensivste Verständigung begann.

Der Chef des Einkauf einer großen Versicherung fliegt mit dem Vorstandsvorsitzenden (VV) in die USA, um die neuen Verträge für Lizenzen und Dienstleistungen zu unterzeichnen. Er sieht die ausgehandelten Verträge durch und bemerkt, dass Leistungen von etwa 25 Millionen nicht enthalten sind. Er zupft den VV am Ärmel, aber dieser lässt sich im Gespräch mit seinem bedeutenden Gegenüber nicht stören – und unterzeichnet dann die Verträge. Auf dem Rückflug spielt der VV die Sache herunter, der Chef des Einkaufs bleibt auf seinem Ärger sitzen. Hierarchie eben.

Doch im Einkauf brodelt der Ärger weiter, alle KollegInnen dort fragen sich, wofür sie so intensiv gekämpft haben. Ein Kommunikations-Seminar wird gebucht. Allerlei Szenen entstehen, und dann: Die Millionen-Szene. Vorgestellt, Varianten erprobt, die Hilflosigkeit gespürt. Später im Forum wuchs durch einige szenische Lösungsversuche das Verständnis für den Ärger des Kollegen und spielerisch tauchen Lösungsvorschläge auf, die den scheinbaren „Benimm“ in manch einer oberen Etage als Handlungs- und Kommunikationsunfähigkeit, die hoch gefährlich sein kann, entlarvt.

Theater braucht Spannung, wenn es nur schön ist, wird es langweilig. In jedem Ärger sitzt – manchmal noch etwas versteckt – die Spannung unseres Lebens: Miteinander oder Gegeneinander? Die Gruppe fand zu den ihrer Kultur passenden Umgang.

Den eigenen Ärger darzustellen, eine kleine Szene aufstellen, ergibt im Nu schon den Kern eines Forum-Theater. Für das Publikum brauchen wir danach noch eine einführende Szene, damit es versteht, in welchem Kontext der Konflikt steht, und schon können wir in der Gruppe erproben, ob wir verstanden werden. Das Publikum erlebt ein kleines Stück, der Autor erlebt die Reaktionen des Publikums, gemeinsam entstehen Lösungen.

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